Behördenjogging für Integrationskurs “Deutsch für den Beruf”

Eine Geschichte aus meiner Familie: D., die Freundin meines Cousins, kommt aus Rumänien. Sie hat einen Master in Marketing and Business Communication. Sie spricht verschiedene Sprachen, u.a. perfekt Englisch – aber eben leider kaum Deutsch (sie hat einen A1-Kurs absolviert). Um hier arbeiten zu können, würde sie gerne den Integrationskurs “Deutsch für den Beruf” machen. Was sie beim Versuch, sich für den Integrationskurs anzumelden, erlebt hat, möchte ich hier für die Öffentlichkeit festhalten:

CC-BY-2.0 Sammy Zimmermanns

Auf der Seite des Bundesamtes für Arbeit steht, dass es Integrationskurse (Deutsch für den Beruf) für Migranten anbietet. Um sich für diesen Kurs anzumelden, geht sie zur Arbeitsagentur. Dort trifft sie auf eine ältere Dame, die kein Englisch spricht. Die Dame eröffnet das Gespräch:

- “Sie brauchen eine Arbeitserlaubnis!”
- D. auf Englisch: “Ich brauche keine Arbeitserlaubnis, ich will den Integrationskurs “Deutsch für den Beruf” machen.”
-”Doch, Sie brauchen eine Arbeitserlaubnis.”
-”Nein…”
etc. (Das ging etwa 5 Minuten so.)
-”Kommen Sie bitte morgen wieder, mit jemandem, der Deutsch spricht.”

Am nächsten Tag: D. kommt mit ihren Freund, der perfekt Deutsch spricht, wieder zur Arbeitsagentur. Der Gesprächspartner ist diesmal eine andere Person (die übrigens auch kein Englisch kann).

- “Sie sind hier falsch, wir kümmern uns nicht darum. Sie müssen zum Rathaus.”

Also: Ab zum Rathaus. Die Empfangsdame war ratlos. Nach 5 Minuten:

- “Gehen Sie mal in das Büro, das für Hartz IV und Arbeitssuchende zuständig ist.”
- “Wir wollen kein Arbeitslosengeld und auch sonst keine Sozialleistungen. Wir wollen den Integrationskurs besuchen, Deutsch für den Beruf.”
- “Wenn Sie Hartz IV wollen….”
- “Ich verstehe was Hartz IV ist. Wir wollen aber kein Hartz4, wir wollen…”
- “Ja, aber wenn Sie Hartz IV beantragen, dann bekommen Sie Probleme mit Ihrer Aufenthaltsgenehmigung in Deutschland.”
- “Das ist irrelevant, denn wir wollen kein Hartz IV. Wir wollen…”
- “Es gibt mehrere Wege, Hartz IV zu beantragen. Wenn Ihre Freundin Spätaussiedlerin ist, dann…”
- “Ich will kein Arbeitslosengeld. Ich will kein Hartz IV!!!”
- “Ach so. Dann sind wir nicht zuständig. Sie sollten mal das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) kontaktieren.”

D. ruft beim BAMF an. Und zwar bei der Hotline, die sich auf Englisch an die Suchenden wendet (“Contact - Any questions? Please contact us! Information service Monday to Thursday… )

- D. auf Englisch: “Ich möchte den Kurs besuchen … ”
- Eine Dame antwortet in gebrochenem Englisch: “Schauen Sie bitte auf der Webseite. Da gibt es ein Formular, das Sie ausfüllen, scannen und uns zuschicken müssen. Das Formular gibt es aber leider nur auf der Deutschen Version der Seite und steht nicht auf Englisch zur Verfügung.”
- “WTF ?!?”

Nach erneuter Recherche auf der deutschen BAMF-Seite hat Ihr Freund (der wie erwähnt sehr gut Deutsch spricht) schließlich “Suche für Integrationskursorte” gefunden. Dort war die VHS Karlsruhe (wo die beiden wohnen) gelistet. Der Anruf bei VHS:

- “Ich möchte den Kurs “Deutsch für den Beruf” besuchen. Ist das möglich?”
- “Ja, natürlich! Kommen Sie vorbei. Wir haben bis 17.00 Uhr offen.”

Dort angekommen, werden beide in gebrochenem Englisch empfangen:

- “Bitte füllen Sie dieses Formular aus.” (Anm: Das Formular ist auf Deutsch!).

Nachdem D. und ihr Freund das Formular ausgefüllt haben:

- “Vielen Dank, wir kümmern uns um den Rest.”

Fazit:

  • Jemand, der kein Deutsch kann, soll deutsche Formulare ausfüllen, um einen Deutschkurs besuchen zu können.
  • Beamte die sich um das Thema Migration kümmern und Mitarbeiter des öffentlichen Dienstes können zum großen Teil kein oder kaum Englisch.
  • Bereits seit Anfang 2012 benötigen Fachkräfte aus Rumänien und Bulgarien mit Hochschulabschluss keine Arbeitserlaubnis mehr. Das ist aber leider nicht jedem Beamten/Mitarbeiter des öffentlichen Dienstes bekannt.
  • Die größte Hilfe bei der Odyssee war die VHS.

6 Kommentare

  1. 1

    Sowas ist doch leider gang und gebe. Selbst als “Deutscher” muss man diesen ganzen Rotz über sich ergehen lassen wenn man irgendwas im Rathaus oder bei nem Amt will

    • Mit dem feinen Unterschied, dass der Deutsche Deutsch kann. D.h. er hat die Chance mit dem Gegenüber zu kommunizieren. Dass dennoch Irritationen entstehen können, ist eine andere Sache. (Anm. Im Bürgerbüro Stuttgart-Mitte wird man meiner Meinung nach vorbildlich betreut.)

  2. 2

    Guten Tag,
    zwar war ich lange Zeit Fallmanager. Dennoch bin ich sehr kritisch eingestellt gegen das ALG II – System und befürworte ein BGE. Würde ich auch öffentlich machen … – aber das ist ein anderes Thema.
    Es zeigen sich hier Schwachstellen. Aber insgesamt wird schon recht hart ins Gericht gegangen, mit allen.
    Dies ist durchaus ein Sonderfall. Wie häufig kommt es vor, dass jemand hier lebt, kein Deutsch spricht und zugleich keinerlei Unterstützung benötigt?
    Einige wenige wohlhabende Menschen vielleicht – und die werden in aller Regel eher andere Wege suchen, Deutsch zu lernen …
    Dass eine “ich weiß von allem ein wenig” – Auskunftskraft nicht perfekt englisch spricht … – wisst Ihr wie die eingruppiert sind …?
    Das mit der website ist blamabel, richtig.
    In den drei oder vier gängigsten Sprachen sollte das schon vorliegen! Habt Ihr es an Ort und Stelle moniert? Das wäre konstruktiv!
    MfG
    Burkhard Tomm-Bub, M.A.

    • Hallo BukTom,
      es freut mich, dass Du das BGE befürwortest. Beim zweiten Punkt muss ich Dir leider entschieden widersprechen, denn es ist genau andersherum. Die oben geschilderte Geschichte ist die Regel. Wie häufig kommt es vor? Sehr häufig – am häufigsten. Die Vorstellung vom bedürftigen Ausländer, der nur darauf wartet, in Deutschland Sozialleistungen abzustauben, ist der Sonderfall. Hierzu kann ich Dir z.B. folgenden Artikel empfehlen.
      Deutschland ist Integrationsland – auch wenn das oft negiert wird – und sollte seine Verwaltung dementsprechend umbauen. Also wenn es möglich ist, in Shanghai die Führerscheinprüfung auf Deutsch abzulegen, dann kann ich doch auch erwarten, dass die 1-2 Personen, die in der Verwaltung mit ausländischen Mitbürgern arbeiten, Englisch können. Das ist eine Frage der Prioritätensetzung und nicht des Personals. Englischkurse für die betroffenen Mitarbeiter, das wäre eine einfache Lösung, die auch nicht wirklich ins Budget geht, wenn man bedenkt, wie lange jemand in der Regel in der Verwaltung arbeitet.
      Ob wir das moniert haben? Natürlich. Ob es etwas gebracht hat? …

  3. 3

    Guten Tag Herr Thomae,
    anhand der zahlreichen in Ihre Äußerungen implizierten Behauptungen der unangenehmeren Natur – werde ich nun einmal etwas klarer reden.
    Wohin wendet man sich, wenn man Arbeit oder Arbeitslosenunterstützung benötigt? An das Arbeitsamt, oder das jobcenter.
    Wohin wendet man sich, wenn man einen Kurs besuchen möchte, hier einen Sprachkurs / Intergrationskurs? An die entsprechenden Anbieter. Nicht nur, aber vor allem die VHS, demnach.
    Das ist auch mit 10 Minuten Google – Recherche heraus zu finden – für einen Piraten allemal.
    Sie aber wenden sich ans Arbeitsamt. Lassen sich von dort zur Stadtverwaltung schicken …
    Nun ja. Es fragt sich, warum …
    Weiter. Ich bin äußerst verärgert, dass Sie mich mit Positionen in Verbindung bringen wie (Zitat):
    “Die Vorstellung vom bedürftigen Ausländer, der nur darauf wartet, in Deutschland Sozialleistungen abzustauben, ist der Sonderfall.”
    Und: Es macht sich immer gut, einen Link einzubauen. Damit ist ja die voran gehende Behauptung dann quasi bewiesen, richtig? – Ist sie nicht.
    In dem Mini – Artikel findet sich NICHTS, was meiner wirkliche Behauptung widerspricht.
    Zur Erinnerung wiederhole ich sie noch einmal exakt:
    “Wie häufig kommt es vor, dass jemand hier lebt, kein Deutsch spricht und zugleich keinerlei Unterstützung benötigt?”
    Und eben – darum geht es ja in diesem Thread – dann einen Integrationskurs belegen möchte?
    Ich habe als FM viele Menschen betreut, die gern einen solchen Kurs machen wollten. Etliche wollten das auch nicht, sondern lieber “gleich arbeiten”! Einige wollten es nicht so gern aus unterschiedlichen Gründen (z.B. wg. Problemen bei der Kinderbetreuung).
    Allen diesen Menschen war gemein, dass sie ALG II bezogen.
    Weiter kann ich mir Menschen vorstellen, die wenig Deutsch sprechen, aber trotzdem jahrelang in D arbeiten. Da gibt es die unterschiedlichsten Konstellationen auf niedrigen und hohen Qualifikationsleveln.
    Wenn jemand nach D kommt, hier auf hohem Niveau arbeiten möchte und dazu – auch – die deutsche Sprache beherrschen muß und will: wird er / sie sich schnellstens darum kümmern, diese zu lernen.
    Jedoch: wovon lebt er oder sie in dieser Zeit? Bis zum Kurs? Während des Kurses? Wir reden hier von etlichen Monaten. Mindestens.
    Theoretisch denkbar: Kurs in Teilzeit / Arbeit in Teilzeit – bescheiden leben. So eine passende Konstellation muß man aber erst einmal herstellen … Und die Arbeit darf halt keine sein, bei der man die deutsche Sprache braucht …
    Andere Sondermöglichkeit: reiche Bekannte / Verwandte / … /.
    Mag es ab und an geben. Wer auf diesem Level sich bewegt – wird aber sicher einem Integrationskurs andere Möglichkeiten vorziehen (Privatschulen, u.ä.).
    Ich bleibe dabei und es ist auch so: der geschilderte Fall ist ein absoluter Sonderfall.
    Und da nützt es überhaupt nichts, mir ausländerfeindliche Attitüden “unterzujubeln”, Herr Thomae. Mit allem Verlaub: gegen Ausländerfeindlichkeit habe ich bereits demonstriert, als Sie noch den Kindergarten besuchten!
    Aber da wir mal dabei sind – kann ich gern doch noch ein paar Klischees für Sie bedienen: Amtssprache ist Deutsch. So ist das.
    SELBSTVERSTÄNDLICH muß man an der VHS Englisch sprechen können – und genauso SELBSTVERSTÄNDLICH bei der BAMF.
    Alle PförtnerInnen und frontdesklerInnen im Rathaus, u.ä. MÜSSEN das nicht können. Viele können es ein wenig, Andere werden sich – bei normalem Auftreten – bemühen eineN KollegIn zu finden, der hilft. Wünschenswert ist es, hilfreich wäre es.
    Aber diese überzogene Erwartungshaltung kann NICHT JedeR erfüllen.
    Ich weiß zu gut, wer und warum an solchen Stellen oft arbeitet / arbeiten muß …
    Aber immerhin: Sie können jetzt wieder fassungslos erzürnt über mich herziehen, weil ich den Ausdruck “Amtssprache ist Deutsch” erwähnte. Ist doch auch was.
    MfG
    B. Tomm-Bub, M.A.

    • Hallo Herr Tomm-Bub,

      ich wollte Ihnen keinesfalls Behauptungen unangenehmer Natur unterstellen – ich habe Ihre Ausführungen falsch verstanden und gedacht, Sie unterstellten Einwanderern bzw. Migranten, dass sie hierherkommen, um Sozialleistungen “abzustauben”. Mit dem Link den ich gepostet habe, wollte ich zeigen, dass dem nicht so ist (“Weltweit sprechen viele Argumente gegen die These, dass Sozialleistungen ein Magnet für Migranten sind”). Da ich selber einen Migrationshintergrund habe und aus meinem eigenen Umfeld das Vorurteil der sozialen Hängematte nicht bestätigen kann (aber schon oft damit konfrontiert wurde!), habe ich Ihre Ausführungen wohl falsch interpretiert.

      Aber nun zu Ihrem zweiten Kommentar: Besagte Rumänische Bekannte konnte die Informationen, dass sie sich an die VHS wenden sollte, auf der englischsprachigen Seite nicht finden – denn dort war sie einfach nicht vorhanden. Statt dessen hat alles darauf hingedeutet, dass sie sich an das Arbeitsamt zu wenden hätte. Ich hätte ihr mit einer 10-minütigen Google-Recherche auch nicht helfen können, denn ich habe von der Geschichte erst im Nachhinein erfahren, als sie ihre Odyssee schon beendet hatte.

      Zudem schreiben Sie, dass Sie als Fallmanager viele Menschen betreut haben, “die gern einen solchen Kurs machen wollten” – die haben allesamt ALG II bezogen. Nun liegt es in der Natur Ihres Jobs begründet, dass Sie täglich mit einem ganz bestimmten Ausschnitt von Ausländern zu tun haben – nämlich mit denen, die sich mit ihren Problemen (u.a. Geldmangel) an das Arbeitsamt wenden. Ausländer, die keine Hilfe vom Arbeitsamt – also auch kein ALG II – brauchten, konnten Ihnen als Fallmanager demnach gar nicht begegnen. Das sind dann z.B. Ausländer wie oben beschriebene D. Diese Personen haben z.B. hier in Deutschland bereits ein soziales/familiäres Netz, das sie trägt, bis sie Deutsch gelernt haben. Oder sie haben aus ihrer Heimat genug Ersparnisse mitgebracht, um hier eine Monate lang zu überbrücken. Auch für diese Menschen ist der Integrationskurs immer noch die erste Wahl, weil er viel günstiger ist als eine Privatschule. Da ich einige solcher Fälle in meinem Bekanntenkreis kenne, kann ich Ihnen bestätigen, dass dieser Fall kein “absoluter Sonderfall” ist. Und ich kann Ihnen auch bestätigen, dass es jedesmal ein großer Aufwand und eine große Hürde war, sich zum Integrationskurs anzumelden. Denn jedesmal traten die gleichen Probleme auf: Wohin soll ich mich wenden und wie soll ich ein deutsches Anmeldeformular ausfüllen, wenn ich kein Deutsch kann?

      In einem Punkt stimmen wir absolut überein: “SELBSTVERSTÄNDLICH muß man an der VHS Englisch sprechen können – und genauso SELBSTVERSTÄNDLICH bei der BAMF”. Weiter schreiben Sie: “Alle PförtnerInnen und frontdesklerInnen im Rathaus, u.ä. MÜSSEN das nicht können. Viele können es ein wenig, Andere werden sich – bei normalem Auftreten – bemühen eineN KollegIn zu finden, der hilft.” – und genau das ist bei meiner Bekannten nicht passiert. Ihr wurde erst mal fälschlicherweise unterstellt, sie benötige eine Arbeitserlaubnis. Am nächsten Tag, mit deutscher Begleitung wurde sie ziemlich unwirsch und ohne sich ihr Anliegen anzuhören, an das Büro für Hartz IV und Arbeitssuchende verwiesen. Keine Spur von einer Bemühung, einen Kollegen zu finden, der hätte helfen können. Damit prangern wir zwei doch das gleiche Problem an! Warum ein Basis-Englischkurs für Pförtner und Frontdeskler eine “überzogene Erwartungshaltung” von mir darstellt, kann ich nicht nachvollziehen. Denn: natürlich ist in Deutschland die Amtssprache Deutsch – aber wenn jemand jahrelang an einem Ort arbeitet, an dem täglich hunderte, verschiedenste Bürger der Stadt ein und aus gehen, dann kann man doch wenigstens Grundlagen in der wichtigsten Sprache der Welt erwarten. Oder wie sehen Sie das?

Was denkst du?