Selbstständige und das Elterngeld: Eine Fehlkonstruktion

Je mehr ich mich mit dem Thema Elterngeld beschäftige und mich darüber mit anderen Selbständigen unterhalte, wird mir immer mehr bewusst, was für eine Fehlkonstruktion das eigentlich für Selbstständige ist. Das Elterngeld wurde in meinen Augen sehr offensichtlich für Arbeitnehmer entwickelt und nur notdürftig auf die Bedürfnisse von Selbstständigen angepasst. Das könnte vielleicht daran liegen, dass in Deutschland die Selbstständigenquote relativ niedrig ist, sie liegt bei ca. 11,7 % (EU-Durchschnitt: 16,6 %; Quelle S. 4). Über die Hälfte von den Selbstständigen sind Solo-Selbstständige (57 %) von denen wiederum ein erheblicher Teil nur ein geringes Einkommen hat (S. 12 ebenda). Der starke Zuwachs der Selbstständigen der letzten Jahre wurde von Frauen getragen, die zum großen Teil ihre Selbstständigkeit in Teilzeit ausführen. Zudem sind Selbstständige nicht in Gewerkschaften organisiert. Außer den Selbstständigen in den freien Berufen wie Notare, Rechtsanwälte, Ärzte, Ingenieure und Journalisten hat der größte Teil der Selbstständigen quasi keine Interessensvertretung. Vielleicht auch deshalb ändert sich nichts an den Problemen, die das Elterngeld den Selbstständigen stellt.

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Das erste Problem ist schon die Berechnung an sich. Wie viel Elterngeld kriege ich? Das ist die große Frage, die sich bei Angestellten so viel leichter beantworten lässt als bei Selbstständigen. Die Infoseiten im Internet berücksichtigen fast immer nur die Angestellten (wie z.B. hier). Dabei gelten für Selbstständige Sonderregeln, wie z.B. dass nicht die letzten 12 Monate vor der Geburt die Bemessungsgrundlage sind, sondern die letzte Jahressteuererklärung vor der Geburt des Kindes. Und selbst wenn man da eine konkrete Zahl seines Einkommens nachweisen kann, ist es immer noch Auslegungssache, wie hoch das Elterngeld dann wirklich wird. Bei mir lagen z.B. zwei Onlinerechner daneben, obwohl ich bei beiden die gleichen Daten eingegeben habe. Mein Elterngeld war letztlich erfreulicherweise höher als online berechnet. Das führt zu enorm großer Unsicherheit in den Monaten vor der Geburt des Kindes, denn 100 oder 200 Euro hin oder her machen im Familienbudget vieler Familien einen großen Unterschied.

Das zweite Problem: Da das Jahreseinkommen vor der Geburt des Kindes zählt, macht es einen großen Unterschied für die selbstständigen Mütter, ob sie ihr Kind im Januar oder im Dezember bekommen. Die Grundregel bei Selbstständigen lautet: Je später im Jahr, umso besser. Oft ist es so, dass eine selbstständige Frau, sollte man ihr ansehen, dass sie schwanger wird, weniger arbeitet. Nicht weil sie nicht will, sondern weil sie weniger gebucht wird. Wie z.B. Schauspielerinnen: “Schauspielerinnen mit einem dicken Bauch werden aber selten engagiert und haben monatelang kein Einkommen. Unterm Strich stehen beim Elterngeld deshalb oftmals nur 300 Euro.” In meinem Freundeskreis hat es schon freie Grafik-Designerinnen, Texterinnen und Beraterinnen getroffen. Hat eine selbstständige Frau z.B. gegen Ende des Jahres 2012 ihr Baby bekommen, so ist ihre Bemessungsgrundlage für das Elterngeld das gleiche Jahr wie bei einer Frau, die im Januar 2012 ihr Kind bekommen hat. Aber die Frau, die im Januar Mutter wurde, war somit einen Großteil des Jahres 2011 schwanger und musste höchstwahrscheinlich Verdienstausfälle in 2011 hinnehmen.

Angenommen, die Berechnung ist dann doch erfolgt und der Antrag eingereicht – dann folgt das nächste Problem. Wie ich in meinem Freundes- und Bekanntenkreis so mitbekomme, artet gerade bei Selbstständigen das Thema Elterngeld zum Papierkrieg aus. Das führt dann dazu, dass das Elterngeld oft erst nach 3 oder 4 Monaten kommt. Viele Selbstständige, oder gar alleinerziehende solo selbständige Mütter haben aber gar nicht die Rücklagen dafür, diese Monate zu überbrücken.

So, und dann kommt erst das richtig große Problem. Und das besteht darin, dass jeder hinzuverdiente Euro an das Elterngeld angerechnet wird. Warum ist das ein Problem? Selbstständige können es sich im wahrsten Sinne des Wortes nicht leisten, ein Jahr Babypause zu nehmen. Denn dann verlieren sie ihre Kunden und Aufträge. Sie müssen also arbeiten. Nicht unbedingt, weil sie, während sie Elterngeld bekommen, auf das Geld angewiesen wären. Sondern, damit sie nach der Elternzeit nicht vor den Scherben ihrer Selbstständigkeit stehen. Denn ihnen hält kein Arbeitgeber den Arbeitsplatz frei und es ist auch extrem schwer für (Solo-)Selbstständige Ersatz in der Elternzeit zu finden. Nun könnte man sagen, dass das alles doch gar nicht so schlimm sei – wenn sie doch Geld verdienten, könnten sie es doch am Ende der Elternzeit wieder zurückzahlen. Zumindest so ist das Elterngeld ja geplant: Nicht als einkommensunabhängigen Zuschlag wie das Kindergeld, sondern als Ersatz für entgangenes Einkommen. Aber bei Selbständigen ist es eben doch nicht so einfach. Wie beschrieben, müssen selbstständige Mütter (und natürlich auch Väter, aber die Mütter trifft es härter) auch in der Babypause arbeiten, um ihre Selbständigkeit am Laufen zu halten. Jeder, der schon mal versucht hat, mit einem Neugeborenen ein Job-Projekt zu stemmen, weiß, wie unglaublich schwierig das ist. Und wenn dann nach dem Projekt Geld auf das eigene Konto fließt, wird das zu allem Überfluss auch noch auf das Elterngeld angerechnet. Diese Mütter fühlen sich dann doppelt bestraft: Sie haben die enormen Strapazen und den Organisationsaufwand auf sich genommen, mit einem kleinen Baby Projekte durchzuführen. Und dann werden sie finanziell dafür auch noch bestraft. Das führt mitunter zu enormen Fehlanreizen:

  • Fehlanreiz Nr. 1: Die Selbstständigen arbeiten dann tatsächlich nicht und fangen nach der Elternzeit wieder bei (nahezu) Null an. Das bedeutet: Viel Akquise, kaum Einkommen, enorme finanzielle Verschlechterung –> Dem Staat entgehen Steuern.
  • Fehlanreiz Nr. 2: Selbstständige arbeiten schwarz. Da jeder hinzuverdiente Euro sehr hart erarbeitet ist und sehr stark auf das Elterngeld angerechnet wird, sinkt die Motivation, das Einkommen während der Elternzeit überhaupt anzugeben –> Dem Staat entgehen Steuern.
  • Fehlanreiz Nr. 3: Selbstständige schieben ihre Rechnungen bis die Elternzeit vorbei ist. Das ist zwar legal, führt aber zu einem höheren Ausfallrisiko der Rechnung, also zu einem potentiell niedrigeren Einkommen des Selbstständigen –> Steuern werden später gezahlt und/oder dem Staat entgehen Steuern.

Und wenn die Elternzeit vorbei ist, kommt oft das dicke Ende. Dann fängt schon wieder ein Papierkrieg an. Denn dann müssen Selbstständige nachweisen, was sie in der Elternzeit verdient haben und ggf. Elterngeld nachzahlen. Und hier offenbart sich ein neues Problem: Wenn Selbstständige eine Rechnung stellen, kann es teilweise Wochen oder Monate dauern, bis das Geld überwiesen wird. Selbstständige haben kaum Einfluss auf die Zahlungsmoral ihrer Kunden. Dann passiert es schon mal, dass eine vor Monaten gestellte Rechnung ausgerechnet in der Elternzeit überwiesen wird – was dann natürlich wieder auf das Elterngeld angerechnet wird! Bei Selbstständigen gilt das strikte Zuflussprinzip. Das heißt, es wird einfach nur geschaut, wie viel Geld in den Monaten der Elternzeit auf das Konto eingezahlt wurde, ganz egal, wann die Leistung dafür erbracht wurde. Nach Ansicht der Anwältin führt das strikte Zuflussprinzip mitunter zu absurden Ergebnissen. „Im Grunde werden viele Eltern dadurch doppelt benachteiligt“, sagt sie. Grund: Die vor der Geburt erarbeiteten Honorare bleiben zunächst bei der Berechnung der Unterstützung außen vor. Zugleich ziehen die Beamten die Gewinne später als Einkünfte während des Elterngeldbezugs vom staatlichen Zuschuss ab.” (Der Link enthält übrigens tolle Tipps für Selbstständige!)

Zum Abschluss steht bei mir die Frage im Raum, warum Selbstständige beim Thema Elterngeld bewusst schlechter gestellt werden. Denn so kommt es mir zumindest vor. Vielleicht deshalb, weil Deutschland keine Gründerkultur hat? Und weil die Selbstständigen mit ihrem Anteil von ca. 10 % von allen Erwerbstätigen eine relativ kleine Gruppe darstellen? Und damit relativ unwichtig erscheinen? Dabei sind es doch die Selbstständigen, die mit ihren Unternehmensgründungen die Grundlage dafür gelegt haben, dass fast 40 Millionen Arbeitnehmer und Angestellten in Deutschland Arbeit haben.

Wieviel Elterngeld kriege ich? Einfache Frage – tausend Ähs als Antwort

Eigentlich ist die Sache doch ganz einfach. Die Höhe des Elterngeldes ist die zentrale, grundlegende Frage, die jeder Antragsteller hat. Bei mittlerweile mehreren Millionen von Anträgen sollten doch die entsprechenden offiziellen Stellen einige Erfahrung darin haben, diese Frage zu beantworten – auch bei etwas kniffligeren Fällen.

Wie hoch ist mein Elterngeld?Wie hoch ist mein Elterngeld?

Aber die Realität für Selbstständige sieht so aus: Man findet keine wirklich verlässlichen Informationen. Fast alle Informationen die man findet, sind an Angestellte gerichtet. Ich habe bei zwei Elterngeldrechnern (hier und hier) meine Daten eingegeben und zwei unterschiedliche Ergebnisse bekommen – mit einer Differenz von ca. 200 Euro! Wenn ich den Brief von der L-Bank bekomme, rechne ich mit einem dritten Ergebnis. Mit etwas Glück werde ich positiv überrascht. Aber was mache ich, wenn die offizielle Summe deutlich niedriger ist, als mir die Elterngeldrechner prognostizieren? Denn wirklich transparent ist die Berechnung nicht. Und 100 Euro mehr oder weniger können bei einer jungen Familie einen großen Unterschied machen. Jeden Tag, während ich gespannt und aufgeregt in den Briefkasten schaue, frage ich mich immer wieder aufs Neue: Warum diese Unsicherheit, diese ewige Rechnerei, dieses Warten? Warum muss das alles so kompliziert sein?

Elterngeld – am Anfang steht das große Fragezeichen

Als ob Kinderkriegen nicht schon aufregend genug wäre! Aber sich durch den Familienförderungsdschungel zu schlagen – das ist mal ein Abenteuer!

ElterngeldantragElterngeldantrag

Als Anfänger in diesem Metier weiß man eigentlich nur, dass man Elterngeld kriegt – irgendwie. Und Mutterschaftsgeld gibt’s ja auch noch. Und Kindergeld. Eine erste Internetrecherche endet in der Verwirrung, denn man bekommt auf unterschiedlichen Seiten unterschiedliche Antworten. Wird nun das Mutterschaftsgeld auf den Bezugszeitraum des Elterngelds angerechnet (und wenn ja: warum?). Besonders spannend wird es, wenn man als Selbstständiger das Elterngeld beantragt. Denn alleine schon die ganz grundsätzliche Frage zu beantworten (wie viel Elterngeld kriege ich?), ist nicht ganz trivial. Und wenn man konkrete Fragen hat, gibt es in ganz Baden-Württemberg nur eine Beratungsstelle für Elterngeld: Nämlich in Karlsruhe bei der L-Bank.

Ich stelle fest: Das Elterngeld ist ein Labyrinth. Und: Die besten Informationen liefern andere Betroffene bzw. Eltern. Die haben sich schon durch das Labyrinth gekämpft und haben wie aus der Pistole geschossen die Antworten, die ich in den offiziellen FAQs nicht finden konnte. Immerhin: Das Kindergeld zu beantragen ist ziemlich einfach.

Ich frage mich: Warum dieser bürokratische Spießrutenlauf? Und was sagt das über unsere Politik und den Stellenwert der Familie in dieser Gesellschaft aus?