Baden-Württemberg Schlusslicht in der Kinderbetreuung

Der 1. August steht bald vor der Tür. Von Eltern sehnlichst erwartet, von vielen Politikern und Kommunen gefürchtet, gibt es in knapp drei Wochen also den Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz für Kinder unter drei Jahren. Leider sieht die Realität dann doch nicht so rosig aus: Es fehlen in ganz Deutschland noch ca. 100.000 Plätze. Und eines des reichsten Bundesländer bildet das Schlusslicht bei der frühkindlichen Ganztagesbetreuung: Baden-Württemberg!

CC-BY-2.0 Upsilon Andromedae

Dabei kam der Rechtsanspruch nicht überraschend. Am 16. Dezember 2008 ist das Kinderförderungsgesetz in Kraft getreten: “ab dem 01. August 2013 soll nach Abschluss der Ausbauphase ein Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz für alle Kinder vom vollendeten ersten bis zum vollendeten dritten Lebensjahr eingeführt werden”. Von einem “Abschluss der Ausbauphase” ist fast fünf Jahre nach Verabschiedung des Kinderförderungsgesetzes und drei Wochen vor dem Inkrafttreten des Rechtsanspruchs weit und breit nichts zu sehen – dafür aber zumindest in Stuttgart zahlreiche Baustellen. Denn neue Kitas werden gebaut – aber leider sehr spät. Hätte die Stadt beim Ausbau von Kitaplätzen diesen Elan schon 2009 an den Tag gelegt, würden in Stuttgart heute bestimmt nicht an die 2.000 Kitaplätze fehlen. In Stuttgart hat seit 2008 Grün-Rot die CDU-Landesregierung abgelöst – aber die Probleme wurden trotz vollmundiger Versprechen nicht gelöst. Im grünen Koalitionsvertrag von 2011 steht: “Damit alle Kinder durchstarten können, startet Grün-Rot eine Qualitätsoffensive bei der frühkindlichen Bildung und baut die Betreuungsplätze massiv aus. Der Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz für Kinder unter drei Jahren wird ohne Wenn und Aber umgesetzt. Alle Eltern, die einen Krippenplatz für ihr Kind haben wollen, erhalten diesen spätestens im Jahr 2013.”

Wenn doch angeblich unserem Land durch den demographischen Wandel ein volkswirtschaftlicher Schaden entsteht und Kinderarmut im gesellschaftlichen Konsens als Problem unseres Landes gilt, wie kann man dann nicht in die bessere Betreuung von Kindern investieren? Es sollte doch im Sinne der Politik sein, beste Voraussetzungen für Eltern zu schaffen, damit diese früher und mehr Kinder bekommen – und mangelnde Kinderbetreuung wirkt in Industriestaaten ganz besonders abschreckend auf Menschen, die eigentlich Eltern werden möchten. Gerade Baden-Württemberg- als Heimat von Kärcher, Bauknecht, Porsche, Bosch, dm Drogeriemarkt, Daimler und Co. der Inbegriff von Innovation – hinkt in so etwas Elementarem wie der Kinderbetreuung hinterher? Obwohl gute Kinderbetreuung ein Wettbewerbsvorteil und wichtiges Standortargument ist? Vielleicht liegt es auch daran, dass sich das “traditionelle Familienbild” (denn so traditionell und alt ist es tatsächlich gar nicht) besonders hier im Süden so hartnäckig hält und dass sich die Politik bei diesem Thema nur unter großem Druck zum Handeln bewegen lässt.

Immerhin hat Baden-Württemberg das Problem erkannt und die Rohbauten von Kitas sprießen wie die Pilze aus dem Boden. Lieber spät als nie.

PS: Was sagt eigentlich die Piratenpartei zum Thema Familienpolitik? So einiges.

Selbstständige und das Elterngeld: Eine Fehlkonstruktion

Je mehr ich mich mit dem Thema Elterngeld beschäftige und mich darüber mit anderen Selbständigen unterhalte, wird mir immer mehr bewusst, was für eine Fehlkonstruktion das eigentlich für Selbstständige ist. Das Elterngeld wurde in meinen Augen sehr offensichtlich für Arbeitnehmer entwickelt und nur notdürftig auf die Bedürfnisse von Selbstständigen angepasst. Das könnte vielleicht daran liegen, dass in Deutschland die Selbstständigenquote relativ niedrig ist, sie liegt bei ca. 11,7 % (EU-Durchschnitt: 16,6 %; Quelle S. 4). Über die Hälfte von den Selbstständigen sind Solo-Selbstständige (57 %) von denen wiederum ein erheblicher Teil nur ein geringes Einkommen hat (S. 12 ebenda). Der starke Zuwachs der Selbstständigen der letzten Jahre wurde von Frauen getragen, die zum großen Teil ihre Selbstständigkeit in Teilzeit ausführen. Zudem sind Selbstständige nicht in Gewerkschaften organisiert. Außer den Selbstständigen in den freien Berufen wie Notare, Rechtsanwälte, Ärzte, Ingenieure und Journalisten hat der größte Teil der Selbstständigen quasi keine Interessensvertretung. Vielleicht auch deshalb ändert sich nichts an den Problemen, die das Elterngeld den Selbstständigen stellt.

Elterngeld_3

Das erste Problem ist schon die Berechnung an sich. Wie viel Elterngeld kriege ich? Das ist die große Frage, die sich bei Angestellten so viel leichter beantworten lässt als bei Selbstständigen. Die Infoseiten im Internet berücksichtigen fast immer nur die Angestellten (wie z.B. hier). Dabei gelten für Selbstständige Sonderregeln, wie z.B. dass nicht die letzten 12 Monate vor der Geburt die Bemessungsgrundlage sind, sondern die letzte Jahressteuererklärung vor der Geburt des Kindes. Und selbst wenn man da eine konkrete Zahl seines Einkommens nachweisen kann, ist es immer noch Auslegungssache, wie hoch das Elterngeld dann wirklich wird. Bei mir lagen z.B. zwei Onlinerechner daneben, obwohl ich bei beiden die gleichen Daten eingegeben habe. Mein Elterngeld war letztlich erfreulicherweise höher als online berechnet. Das führt zu enorm großer Unsicherheit in den Monaten vor der Geburt des Kindes, denn 100 oder 200 Euro hin oder her machen im Familienbudget vieler Familien einen großen Unterschied.

Das zweite Problem: Da das Jahreseinkommen vor der Geburt des Kindes zählt, macht es einen großen Unterschied für die selbstständigen Mütter, ob sie ihr Kind im Januar oder im Dezember bekommen. Die Grundregel bei Selbstständigen lautet: Je später im Jahr, umso besser. Oft ist es so, dass eine selbstständige Frau, sollte man ihr ansehen, dass sie schwanger wird, weniger arbeitet. Nicht weil sie nicht will, sondern weil sie weniger gebucht wird. Wie z.B. Schauspielerinnen: “Schauspielerinnen mit einem dicken Bauch werden aber selten engagiert und haben monatelang kein Einkommen. Unterm Strich stehen beim Elterngeld deshalb oftmals nur 300 Euro.” In meinem Freundeskreis hat es schon freie Grafik-Designerinnen, Texterinnen und Beraterinnen getroffen. Hat eine selbstständige Frau z.B. gegen Ende des Jahres 2012 ihr Baby bekommen, so ist ihre Bemessungsgrundlage für das Elterngeld das gleiche Jahr wie bei einer Frau, die im Januar 2012 ihr Kind bekommen hat. Aber die Frau, die im Januar Mutter wurde, war somit einen Großteil des Jahres 2011 schwanger und musste höchstwahrscheinlich Verdienstausfälle in 2011 hinnehmen.

Angenommen, die Berechnung ist dann doch erfolgt und der Antrag eingereicht – dann folgt das nächste Problem. Wie ich in meinem Freundes- und Bekanntenkreis so mitbekomme, artet gerade bei Selbstständigen das Thema Elterngeld zum Papierkrieg aus. Das führt dann dazu, dass das Elterngeld oft erst nach 3 oder 4 Monaten kommt. Viele Selbstständige, oder gar alleinerziehende solo selbständige Mütter haben aber gar nicht die Rücklagen dafür, diese Monate zu überbrücken.

So, und dann kommt erst das richtig große Problem. Und das besteht darin, dass jeder hinzuverdiente Euro an das Elterngeld angerechnet wird. Warum ist das ein Problem? Selbstständige können es sich im wahrsten Sinne des Wortes nicht leisten, ein Jahr Babypause zu nehmen. Denn dann verlieren sie ihre Kunden und Aufträge. Sie müssen also arbeiten. Nicht unbedingt, weil sie, während sie Elterngeld bekommen, auf das Geld angewiesen wären. Sondern, damit sie nach der Elternzeit nicht vor den Scherben ihrer Selbstständigkeit stehen. Denn ihnen hält kein Arbeitgeber den Arbeitsplatz frei und es ist auch extrem schwer für (Solo-)Selbstständige Ersatz in der Elternzeit zu finden. Nun könnte man sagen, dass das alles doch gar nicht so schlimm sei – wenn sie doch Geld verdienten, könnten sie es doch am Ende der Elternzeit wieder zurückzahlen. Zumindest so ist das Elterngeld ja geplant: Nicht als einkommensunabhängigen Zuschlag wie das Kindergeld, sondern als Ersatz für entgangenes Einkommen. Aber bei Selbständigen ist es eben doch nicht so einfach. Wie beschrieben, müssen selbstständige Mütter (und natürlich auch Väter, aber die Mütter trifft es härter) auch in der Babypause arbeiten, um ihre Selbständigkeit am Laufen zu halten. Jeder, der schon mal versucht hat, mit einem Neugeborenen ein Job-Projekt zu stemmen, weiß, wie unglaublich schwierig das ist. Und wenn dann nach dem Projekt Geld auf das eigene Konto fließt, wird das zu allem Überfluss auch noch auf das Elterngeld angerechnet. Diese Mütter fühlen sich dann doppelt bestraft: Sie haben die enormen Strapazen und den Organisationsaufwand auf sich genommen, mit einem kleinen Baby Projekte durchzuführen. Und dann werden sie finanziell dafür auch noch bestraft. Das führt mitunter zu enormen Fehlanreizen:

  • Fehlanreiz Nr. 1: Die Selbstständigen arbeiten dann tatsächlich nicht und fangen nach der Elternzeit wieder bei (nahezu) Null an. Das bedeutet: Viel Akquise, kaum Einkommen, enorme finanzielle Verschlechterung –> Dem Staat entgehen Steuern.
  • Fehlanreiz Nr. 2: Selbstständige arbeiten schwarz. Da jeder hinzuverdiente Euro sehr hart erarbeitet ist und sehr stark auf das Elterngeld angerechnet wird, sinkt die Motivation, das Einkommen während der Elternzeit überhaupt anzugeben –> Dem Staat entgehen Steuern.
  • Fehlanreiz Nr. 3: Selbstständige schieben ihre Rechnungen bis die Elternzeit vorbei ist. Das ist zwar legal, führt aber zu einem höheren Ausfallrisiko der Rechnung, also zu einem potentiell niedrigeren Einkommen des Selbstständigen –> Steuern werden später gezahlt und/oder dem Staat entgehen Steuern.

Und wenn die Elternzeit vorbei ist, kommt oft das dicke Ende. Dann fängt schon wieder ein Papierkrieg an. Denn dann müssen Selbstständige nachweisen, was sie in der Elternzeit verdient haben und ggf. Elterngeld nachzahlen. Und hier offenbart sich ein neues Problem: Wenn Selbstständige eine Rechnung stellen, kann es teilweise Wochen oder Monate dauern, bis das Geld überwiesen wird. Selbstständige haben kaum Einfluss auf die Zahlungsmoral ihrer Kunden. Dann passiert es schon mal, dass eine vor Monaten gestellte Rechnung ausgerechnet in der Elternzeit überwiesen wird – was dann natürlich wieder auf das Elterngeld angerechnet wird! Bei Selbstständigen gilt das strikte Zuflussprinzip. Das heißt, es wird einfach nur geschaut, wie viel Geld in den Monaten der Elternzeit auf das Konto eingezahlt wurde, ganz egal, wann die Leistung dafür erbracht wurde. Nach Ansicht der Anwältin führt das strikte Zuflussprinzip mitunter zu absurden Ergebnissen. „Im Grunde werden viele Eltern dadurch doppelt benachteiligt“, sagt sie. Grund: Die vor der Geburt erarbeiteten Honorare bleiben zunächst bei der Berechnung der Unterstützung außen vor. Zugleich ziehen die Beamten die Gewinne später als Einkünfte während des Elterngeldbezugs vom staatlichen Zuschuss ab.” (Der Link enthält übrigens tolle Tipps für Selbstständige!)

Zum Abschluss steht bei mir die Frage im Raum, warum Selbstständige beim Thema Elterngeld bewusst schlechter gestellt werden. Denn so kommt es mir zumindest vor. Vielleicht deshalb, weil Deutschland keine Gründerkultur hat? Und weil die Selbstständigen mit ihrem Anteil von ca. 10 % von allen Erwerbstätigen eine relativ kleine Gruppe darstellen? Und damit relativ unwichtig erscheinen? Dabei sind es doch die Selbstständigen, die mit ihren Unternehmensgründungen die Grundlage dafür gelegt haben, dass fast 40 Millionen Arbeitnehmer und Angestellten in Deutschland Arbeit haben.

Kritik an meinem BGE-Artikel

Ziemlich schnell nachdem ich den Artikel zu meinem Sinneswandel bezüglich des Bedingungslosen Grundeinkommens online gestellt habe, habe ich auch gleich erste Rückmeldung und Kritik dazu bekommen. Ein Kritiker hat gemeint, dass ihm meine Pro-Argumentation genau so schwammig wäre, wie die Argumentation die ich zuvor abgelehnt hätte.

Kritik BGE

Mein Artikel ist natürlich nicht in erster Linie ein Brandbrief für das BGE. Ich wollte darin darlegen, warum ich mich mehr und mehr mit dem Thema BGE beschäftige und welchen entscheidenden Impuls mir dann die Geburt meiner Tochter gegeben hat. Das ist natürlich alles total subjektiv. Harte Fakten und Zahlen habe ich zu diesem Thema zwar auch studiert, aber mein Sinneswandel war eher Folge eines diffusen Bauchgefühls: Wenn ich die heutige Situation betrachte und sie in die Zukunft extrapoliere, dann frage ich mich tatsächlich, ob unser Sozialsystem dem gewachsen ist, was da auf uns zukommt. Denn, seien wir mal ehrlich, in bestimmten wirtschaftlichen Bereichen wie Niedriglohnsektor, prekäre Beschäftigung, Arbeitslosigkeit und Hartz4 gibt es seit über zehn Jahren keine Verbesserung – und das spüren viele von uns direkt oder beobachten es in unserem Umfeld, auch wenn wir das teilweise nicht mit harten Zahlen belegen können.

Aber in den kommenden Wochen liefere ich hier nach und nach die entsprechenden Zahlen. Zum einen gibt es sehr interessante und sehr unterschiedliche Finanzierungsmodelle. Zum anderen gibt es u.a. in Brasilien und in der Mongolei schon erste Ansätze, ein BGE einzuführen. Mein erster Artikel in dieser Serie wird sich jedoch um das Schweizer Modell drehen. Die Initiatoren werben für dieses Konzept und haben die kritische Schwelle von 100.000 Unterschriften für eine Volksbefragung bereits überschritten. Die nächsten Schritte sind die Anhörung des Petenten, die Öffentliche und parlamentarische Diskussion und die Volksbefragung mit dem Ziel, die Schweizer Verfassung um folgende Sätze zu ergänzen: „Der Bund sorgt für die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens“. Dieses soll „der ganzen Bevölkerung ein menschenwürdiges Dasein und die Teilnahme am öffentlichen Leben ermöglichen“.

 Spannend, was da derzeit in der Schweiz passiert.

Bedingungsloses Grundeinkommen – mein Weg vom Nein zum Ja

Um ganz ehrlich zu sein, habe ich mich bis zum Herbst 2011 nie wirklich mit dem Bedingungslosem Grundeinkommen (kurz: BGE) beschäftigt. Als der Antrag auf unserem Piratenparteitag abgestimmt wurde, haben mich die Argumente der Antragsteller nicht überzeugt. Also habe ich dagegen gestimmt. Doch der Beschluss wurde angenommen. Fortan waren und sind die Piraten die einzige deutsche Partei, die sich dieses Thema breit auf die Fahnen bzw. in ihr Grundsatzprogramm geschrieben hat.

BGE-Abstimmung beim BPT 2011.2 in OffenbachCC-BY: Tobias M. Eckrich

Und dann wurde dieses Thema groß. Richtig groß. Piraten traten in Talkshows auf und sprachen über das Thema. Allerdings waren in meinen Augen die Argumente dafür ebenso schwach, wie die polemischen Argumente dagegen. Beliebtes Pro-Argument war z.B. dass durch die fortschreitende Automatisierung immer weniger Arbeitsplätze zur Verfügung stünden und es sowieso nicht genug Arbeitsplätze für alle geben würde. Vollbeschäftigung sei eine Utopie. Das ist zwar nicht falsch, geht aber meiner Meinung nach am eigentlichen Kern der Diskussion vorbei und bietet unnötigerweise eine breite Angriffsfläche für polemischen Gegenargumente. Es klingt ein bisschen danach, als ob einige Personen nicht arbeiten wollten. Generell habe ich die Pro-Argumentation auch als sehr philosophisch wahrgenommen (“Die Menschen wollen arbeiten”). Mich hat das nicht überzeugt und so ging es sicher vielen Menschen, die vom BGE nur aus den Medien erfuhren.

Mein Moment der Erkenntnis

Und dann änderte ein Moment alles: Die Geburt meiner Tochter! Plötzlich wurde ich bezüglich gewisser Mechanismen unseres Sozialstaats… nun ja… sensibilisiert. Denn ich stellte mir nun die gleichen Fragen, die sich jeder frischgebackene Vater so stellt: Wie fördert der Staat eigentlich junge Familien? Reicht unser Familieneinkommen zum Leben? Wie bin ich abgesichert bei Arbeitsplatzverlust oder in meinem Falle des Ausbleibens von Aufträgen? Und, auch wenn das Thema noch so weit weg scheint: Wie schaut es aus mit meiner Rente?

BGE_2

Ziehen wir ein mal die Fakten heran: Der heutige Arbeitsmarkt für Berufseinsteiger ist geprägt von befristeten Verträgen, niedrigen Löhnen, Zeitarbeit und allgemeiner, großer Unsicherheit. Stetige, langfristige, oder gar lebenslange Berufslaufbahnen werden immer mehr die Ausnahme. (Link) Selbst wer heute ein hohes Gehalt hat, wird wahrscheinlich direkt in die Altersarmut schlittern. Denn: Heute ein hohes Gehalt ist keine Garantie dafür, dass das in 5 Jahren immer noch so ist, geschweige denn, dass man in 10 Jahren immer noch einen (geschweige denn den gleichen) Job hat. Zudem ist unser Rentensystem, um auf eine angemessene Anzahl an Rentenpunkten zu kommen, auf ununterbrochene Beschäftigung auslegt  - die kann heute fast niemand mehr vorweisen. Das zwingt die Menschen geradezu dazu, privat vorzusorgen. Und kaum einer wird es schaffen, 40 Jahre lang ununterbrochen in angemessener Höhe privat vorzusorgen. Das ist meiner Meinung nach ein Skandal.

Um es kurz zu machen: Ich habe für mich erkannt, dass es unser System jungen Menschen unabhängig ihrer individuellen Leistung unmöglich macht, vernünftig für das Alter vorzusorgen. An Sparen ist bei den oft niedrigen Gehältern und hoher Steuerbelastung sowieso nicht mehr zu denken. Daneben schwingt stets die Angst mit, den ohnehin schlecht bezahlten Arbeitsplatz zu verlieren und zeitweise bei Hartz4 zu landen.

Vom Kleinen ins Große denken

Und so verselbständigten sich meine Gedanken: Gegner des BGE sagen oft, dass ein BGE nicht finanziert werden könnte. Ich hingegen sage: Das jetzige System kann nicht finanziert werden! Millionen Menschen beziehen Hartz4 und beschäftigen Hunderttausende in den Jobcentern mit aufwendigem Briefverkehr, Sanktionen und unzähligen Gängen zu Sozialgerichten. Und wie soll das erst werden, wenn die heutigen Twenty- und Thirtysomethings in Rente gehen? Viele von ihnen werden aufgrund ihrer Erwerbsbiographie nicht genug zum Leben haben, daher werden sie aufstocken müssen. Das wird einen immensen Verwaltungsaufwand und, damit einhergehend, potentiell viele Fehlentscheide und damit noch mehr Verwaltungsaufwand generieren. Das sind Kosten, die wir heute noch gar nicht abschätzen können.

Ich habe festgestellt: Wenn man die Kosten für etwas betrachtet, muss man auch die Folgekosten beachten. Wenn ich also Elterngeld beantrage, koste ich den Staat nicht nur das, was er mir überweist. Sondern auch die unzähligen Arbeitsstunden, die die Sachbearbeiter in das Ausrechnen und in den Briefverkehr investieren. Ganz zu schweigen von meiner Arbeitszeit, die mit dem Ausfüllen der Dokumente und Behördengängen verbunden ist. Und bei Hartz4, Altersarmut und Aufstockern erreicht das Ganze wohl noch größere Dimensionen. Wie viele Milliarden Euro an Steuergeldern versickern da wohl ohne Sinn?

Unser Sozialsystem: In seiner heutigen Version nicht zukunftssicher

So wie unser Sozialsystem aufgebaut ist, ist es nur eine Frage der Zeit, bis es kollabiert – ganz unabhängig von der demographischen Entwicklung. Meine Theorie lautet: Nicht, wie so oft behauptet, ist die angeblich niedrige Geburtenquote die Ursache für den bevorstehenden Kollaps unseres Sozial- und Rentensystems, sondern politische Entscheidungen wie z.B. die Agenda 2010 und Lohndumping, die es der Jugend so viel schwerer machen, das Niveau ihrer Eltern zu erreichen. Die Klientelpolitik die Wenige auf Kosten von Vielen begünstigt, tut ihr Übriges. Und zu guter letzt der intransparente Wildwuchs in den Sozialleistungen: Alleine im Bereich Familienförderung gibt es angeblich 153 verschiedene Einzelmaßnahmen und Transferzahlungen die alle fein säuberlich errechnet, dokumentiert und verwaltet werden möchten.

BGE_3

Das BGE: Dringend benötigtes Update für unser Sozialsystem

Zugegeben: Das Bedingungslose Grundeinkommen würde nicht auf einen Schlag alle unsere Probleme lösen. Und es muss noch viel darüber diskutiert werden, wie hoch es sein soll und wie es finanziert und eingeführt werden könnte. Aber es wäre ein Schritt in die richtige Richtung. Und während ich mich bei meiner politischen Arbeit von meinem täglichen Kleinklein entferne und mehr und mehr das große Ganze betrachte, erkenne ich, dass das BGE Auswirkungen auf so viele Bereiche hätte, die uns alle betreffen: Auf die Familien- und Sozialpolitik, auf Hartz4, Kinderarmut und das Steuersystem – um nur einige zu nennen. Ein Großteil der Transferzahlungen könnte eingestellt werden – und somit auch der damit verbundene, oft nervenaufreibende Verwaltungsaufwand.

Das BGE wäre ein guter Schritt in ein menschenfreundliches, transparentes Deutschland. Es würde den aufgeblähten, teuren Verwaltungsapparat auf das notwendige Maß zurechtstutzen und die Bürokratie abbauen. Und ganz nebenbei würde das BGE das Klima der Angst (vor Hartz4, Arbeitsplatzverlust, Abstieg, existentieller Bedrohung) in unserer Gesellschaft deutlich reduzieren und, ich wage mal die steile These, die Geburtenrate erhöhen. Denn, wo die Menschen weniger Angst vor der Zukunft haben, lässt es sich wesentlich leichter Kinder kriegen – etwas, das derzeit über 150 Einzelmaßnahmen in der Familienförderung nicht geschafft haben.

Elterngeld – am Anfang steht das große Fragezeichen

Als ob Kinderkriegen nicht schon aufregend genug wäre! Aber sich durch den Familienförderungsdschungel zu schlagen – das ist mal ein Abenteuer!

ElterngeldantragElterngeldantrag

Als Anfänger in diesem Metier weiß man eigentlich nur, dass man Elterngeld kriegt – irgendwie. Und Mutterschaftsgeld gibt’s ja auch noch. Und Kindergeld. Eine erste Internetrecherche endet in der Verwirrung, denn man bekommt auf unterschiedlichen Seiten unterschiedliche Antworten. Wird nun das Mutterschaftsgeld auf den Bezugszeitraum des Elterngelds angerechnet (und wenn ja: warum?). Besonders spannend wird es, wenn man als Selbstständiger das Elterngeld beantragt. Denn alleine schon die ganz grundsätzliche Frage zu beantworten (wie viel Elterngeld kriege ich?), ist nicht ganz trivial. Und wenn man konkrete Fragen hat, gibt es in ganz Baden-Württemberg nur eine Beratungsstelle für Elterngeld: Nämlich in Karlsruhe bei der L-Bank.

Ich stelle fest: Das Elterngeld ist ein Labyrinth. Und: Die besten Informationen liefern andere Betroffene bzw. Eltern. Die haben sich schon durch das Labyrinth gekämpft und haben wie aus der Pistole geschossen die Antworten, die ich in den offiziellen FAQs nicht finden konnte. Immerhin: Das Kindergeld zu beantragen ist ziemlich einfach.

Ich frage mich: Warum dieser bürokratische Spießrutenlauf? Und was sagt das über unsere Politik und den Stellenwert der Familie in dieser Gesellschaft aus?