Kritikpunkte am umlagefinanzierten fahrscheinlosen ÖPNV

Bei meiner Präsentation zum Thema “Fahrscheinloser Öffentlicher Nahrverkehr” kamen zahlreiche Kritikpunkte aus dem Publikum. Hier möchte ich die wichtigsten Fragen aufgreifen, die in diesem Themenkomplex immer wieder aufkommen:

Frage: Warum sollen denn alle zahlen? Auch wenn sie es nicht gar nicht nutzen?

Antwort: Das ist eine sehr interessante Frage, die tatsächlich bei jeder Veranstaltung zu diesem Thema gestellt wird. Ganz oft wird in dieser Diskussion vergessen, dass wir sowieso schon einen Teil des ÖPNV bezahlen – ob wir ihn nutzen oder nicht! Denn das Budget des VVS generiert sich nicht nur durch die Tickets, sondern auch durch Steuern (Anm: Zu diesem Thema gab es nach meinem letzten Artikel ein paar interessante Kommentare).
In Stuttgart wird der VVS zu einem Drittel durch die Öffentliche Hand, also durch die Bürger, finanziert. Darüber hinaus hätten auch die Menschen, die den Fahrscheinlosen ÖPNV tatsächlich nicht nutzen würden, trotzdem Vorteile davon: Wenn sie Auto fahren, haben sie weniger Verkehr und Staus. Sie haben eine höhere Lebensqualität durch bessere Luft und weniger Verkehrslärm. Und sie müssten weniger Steuern zahlen. Denn die bald anfallenden Strafgebühren der EU für Kommunen, die die zulässige Feinstaubbelastung überschreiten, würden beim Fahrscheinlosen ÖPNV wenn nicht ganz, so doch zum größten Teil entfallen (2011 hätte Stuttgart, wäre diese Verordnung schon in Kraft getreten, 8,9 Millionen Euro zahlen müssen!).

Frage: Der VVS ist doch jetzt schon teilweise überlastet, wie soll ein größeres Verkehrsaufkommen organisiert werden?

Antwort: Die von uns errechneten 16 Euro pro Person und Monat sind so günstig, dass es immer noch sozial verträglich wäre, die Mobilitätssteuer (Arbeitstitel) auf 20 Euro (zeitweise) zu erhöhen. Diese 4 Euro zusätzlich pro Person und Monat würden sich im gesamten VVS-Gebiet auf ca. 75 Millionen Euro pro Jahr addieren. Diese würden dem VVS zweckgebunden zur Verfügung gestellt, um den Ausbau des Schienennetzes voranzutreiben. Denkbar sind z.B. ein Ringschluss bzw. eine Bahn, dass sie nicht mehr ausschließlich durch den Kessel fahren müssten. Übergangsweise wäre auch ein Ringbussystem zu überlegen, um die äußeren Stadtteile von Stuttgart miteinander zu verbinden, ohne durch den Kessel fahren zu müssen (derzeit ist das U-Bahn-Netz sehr stark sternförmig ausgelegt, fast jede U-Bahn fährt über den Hauptbahnhof bzw. Charlottenplatz).

Frage: Wie verhält es sich mit den Anschlussstellen: Wenn im VVS-Gebiet alles kostenlos ist, wie fährt man dann nach Tübingen? Muss man aussteigen? Wo löst man das Ticket? Im Bus?

Antwort: Denkbar wäre es, direkt beim Schaffner oder in im Zug installierten Automaten zu bezahlen. Dann müssten nur InterRegios umgerüstet werden. Busse von anderen Verbünden haben ohnehin noch Automaten installiert.

Frage: Wenn man den VVS durch eine Umlage finanziert, gibt es dann überhaupt noch Anreize für den VVS, das Streckennetz auszubauen?

Antwort: Auch hier gilt wie bei der ersten Frage: Die 16 Euro könnten auf 20 aufgestockt werden. Diese 4 Euro zusätzlich pro Person und Monat würden der VVS zweckgebunden zur Verfügung gestellt, um das Streckennetz auszubauen. Die Frage lautet doch viel eher: Welche Anreize hat denn der VVS heute, das Streckennetz auszubauen? Und was würde sich durch die Einführung des Fahrscheinlosen ÖPNV ändern? Denn das Budget des VVS würde sich nicht verändern.

Frage: Ist das nicht generell der falsche Weg, um den ÖPNV attraktiver zu machen? Man muss doch Anreize setzen und es ist doch nicht abhängig vom Preis, ob jemand mit dem ÖPNV fährt. Das wichtigste Kriterium ist Komfort! Der VVS muss das Netz ausbauen und die Ticketpreise spielen keine Rolle! Viel mehr müsste das Autofahren teurer gemacht werden!

Antwort: Das war tatsächlich ein Einwand aus dem Publikum, der viele Aspekte zusammenwirft und vermischt. Zum Einen ist für die meisten Menschen wohl der Preis und nicht der Komfort das entscheidende Kriterium – ob beim ÖPNV oder beim Autokauf. Der Preis mag ab einer gewissen Einkommensgrenze keine Rolle mehr spielen, aber die haben, neben dem Fragesteller wohl nur die Wenigsten von uns erreicht. Zudem wirkt sich der Ticketpreis der VVS auch ganz stark bei den Menschen aus, die kein Auto haben und daher nicht auf ein anderes Mobilitätskonzept ausweichen können. Jede Preiserhöhung macht sich dort schmerzlich bemerkbar, oft ohne einen gestiegenen Gegenwert dafür zu bekommen. Die meisten Menschen haben mehr Vorteile von einer dichteren U-Bahn- und Bus-Taktung als wenn der VVS die modernsten, komfortabelsten Fahrzeuge anschafft. Dass der VVS das Netz ausbauen muss, steht außer Frage. Das bejahen wir von der Piratenpartei auch und sehen starkes Entwicklungspotential in den äußeren Bezirken wie Birkach und in einer Ringverbindung. Denn ein Fahrscheinloser ÖPNV macht nur in einem gut ausgebauten und ausgelasteten System Sinn. Menschen, die in schlecht angebundenen Regionen wohnen, müssten auch beim Fahrscheinlosen ÖPNV gezwungenermaßen auf das Auto ausweichen – und das wollen wir verhindern.